Das bin ich

Das erste, woran ich mich erinnern kann, war Dunkelheit. Wärme, Geborgenheit. Enge klare Grenzen, die keine Raum für Zweifel an der einzig wahren Wirklichkeit dieses Seins ließen.

Und dann, eines Nachts, passierte es. Eine Explosion riss mich aus meiner gewohnten Haltung, ließ mich plötzlich erwachen und ich bemerkte: Ich bin gewachsen! Und da war sie, die Erkenntnis, die mir meinen ersten, eigenen Namen gab: "Bis gestern war ich ein Keimling, der tief in der Erde steckte und sich nach der Sonne sehnte, ohne sie zu kennen. Heute Nacht bin ich durchgebrochen. Ab heute bin ich ein junger Trieb."

Und so war ich, junger Trieb. Keine Ahnung, was aus mir werden würde; keine Ahnung, wann etwas aus mir werden würde. Bloß die Erkenntnis, das nichts so ist, wie ich immer geglaubt hatte, es wäre so. Die Erkenntnis, dass sie mir alle jahrzehntelang etwas vorgemacht hatten – und es sich selber noch immer vormachten.
Ein junger Trieb, der sein zartes Köpfchen aus der Erde streckt, neugierig und vorsichtig um sich blickt und langsam und allmählich herausfindet, in welcher Umgebung er sich befindet, was ihn da draußen erwartet.
Ein junger Trieb, biegsam und elastisch, der alle Möglichkeiten nutzt, sich empor zu arbeiten, dem Licht entgegen, zur Sonne hin, die er nie zuvor gesehen, aber immer schon gekannt hat.

Und ich wuchs und bahnte mir meinen Weg – meinen mir ureigenen Weg – in die neue Umgebung, durch das Dickicht der bestehenden Gegebenheiten, durch die dicken Schichten abgestorbener Blätter und Pflanzenteile. Ich bahnte meinen Weg durch ein Gestrüpp von Glaubenssätzen, das mich zurückzuhalten suchte; durch längst verstorbene Ängste und Erinnerungen, die wie Kletten und trockenes Laub an mir zu haften suchten. Ich bahnte meinen Weg, vorbei an den Schattengewächsen, die nicht wie ich hinauf zur Sonne strebten, sondern lieber im Dunkeln blieben und meinten, ich müsse das auch tun.

Und ich wurde kräftiger, sicherer. Ich erkannte, dass da noch andere Triebe waren, die die neue Wirklichkeit mit mir gemeinsam entdeckten. Ich erkannte, dass es schon ältere Pflanzen gab, die die Wirklichkeit schon kannten und sie gerne mit uns Neulingen teilten. Und ich erkannte, dass da viele, viele unentwickelte Keimlinge noch darauf warteten zu erwachen.

Und ich wußte, ich würde bald kein junger Trieb mehr sein. Ich wußte, bald würde ich eine Pflanze sein, erkennbar, für jeden der mich sieht; erkennbar vor allem für mich selbst. Noch war ich einfach irgendein Trieb, kräftig zwar, doch unspezifisch, unerkannt. Bald würde ich mich entwickeln, würde meinen typischen Charakter an den Tag legen, meine offensichtlichen Erkennungszeichen; und jeder der vorbeiginge, würde sagen: "Schau mal, das ist ein/e ....!"

Und da bin ich nun und warte darauf, dass mir eine neuerliche Explosion meine neue Gestalt offenbart. Und komme so langsam dahinter, dass das vielleicht gar nicht so passieren wird. Habe immer wieder mal so Ahnungen, dass ich vielleicht das werde, was ich immer schon war.

Iris –   eine zierliche Pflanze.
Iris –   schillernd wie der Regenbogen im Auge eines jeden Menschen.
Iris –   die Götterbotin, die liebevoll für Menschen da ist und ihnen hilft, sich selbst zu begegnen und zu finden.

Und seit heute weiß ich noch etwas:    I c h   b i n   e i n e   H e i l p f l a n z e .

 

© Iris / Heilpflanze, 22.09.2003

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