Trilogie: 1 Das Gewitter

Dunkle Wolken stauen sich am Himmel.
Ein Blitz jagt den anderen.
Die Windböen fegen die Servietten vom Tisch.
Es dauert lange, bis der erste Donner überhaupt zu hören ist.
Die Spannung ist kaum zu ertragen.
Endlich – der erlösende Regen.

Meine Tränen können endlich fließen.
Ein bißchen.
Ich brauche Hilfe – und bekomme sie.
"Was ist da? Nenne es beim Namen!"
Traurigkeit....
Und Wut.
Endlich kann ich richtig weinen.

Jetzt weiß ich selber was zu tun ist.
Da ist dieses kleine Kind, in seiner Traurigkeit und Wut.
Gefühle, die zu verstecken es immer gelernt hat.
Ich nehme mein Inneres Kind in den Arm.
Ich wiege es sanft.
Ich versichere ihm, dass es traurig sein darf; dass es wütend sein darf.
Dass es trotzdem geliebt wird.

Ich nehme mein Inneres Kind bei der Hand.
Wir gehen zu dem tiefen, dunklen Loch, aus dem jetzt alles heraus drängt.
Alles, was da jahrelang unter Verschluss gehalten wurde.
Alles, was nicht erlaubt war.
"Das tut man doch nicht!"
"Das darfst du nicht!"
"Reiß dich zusammen!"
"Sei doch nicht so blöd!"
"Ach komm, so schlimm war's doch nicht!"

Ich nehme meine Wut und stelle sie mitten ins Wohnzimmer.
Sie darf da sein.
Ich muss sie nicht in einem schwarzen Loch verbergen.
Ich brauche sie doch!
Meine Stärke, ist meine Wut, hat James gesagt.
Was tu ich denn dann, ohne meine Wut, meine Stärke???

Und auch meine Traurigkeit brauche ich.
Sonst kann ich doch nicht richtig abschließen.
Meine Ängste wollen mich beschützen.
Meine Unsicherheit, will mich davor bewahren, ausgelacht oder geschimpft zu werden.
Mein Schmerz zeigt mir, dass ich lebe.
Und meine Blödheit ...? - ... ist Kreativität!

All diese Emotionen, Handlungen, von denen ich dachte,
sie wären schlecht – schlecht für mich...
Sie alle dienen mir nur!
Sie alle bekommen ihren Platz im Wohnzimmer.
Sie alle sind jetzt willkommen.

Aber das Loch ist noch nicht leer.
Ich nehme eine Kerze, steige hinunter, sehe mich um.
Langsam gewöhnen sich meine Augen an das Dunkel.
Und da, ganz hinten, sitzen sie.
Kleine, hässliche Gestalten.
Neid.
Eifersucht.
Gier.
Zorn.
Schadenfreude.
Und wie sie alle heißen.
Da sitzen sie: abgelehnt, verstoßen, ungeliebt.
Natürlich müssen sie hässlich sein, so wie sie sich damit fühlen.
Und ich kenne dieses Gefühl:
Zurückgesetzt, allein gelassen, benachteiligt...

Jetzt nehme ich sie alle in den Arm, jeden einzelnen.
Ich heiße sie willkommen und trage sie hinauf, ins Wohnzimmer.
Und ich bemerke, sobald ich sie liebe, verlieren sie ihre Hässlichkeit und werden ganz kuschelig.
Und ich sehe sie an, und ich erkenne, sie alle wollten mir helfen.
Wollten mir Hinweise geben.
Wollten mir den Weg zeigen.

Jetzt hole ich den Staubsauger, und sauge all den angesammelten Staub aus dem Loch.
Und der Staub verwandelt sich in Glitter und verzaubert mein Wohnzimmer.

Das Loch ist jetzt nur mehr ein kleines Säckchen.
Ich kehre es um, und beutle es aus.
Ungeweinte Tränen kullern heraus.
Das Säckchen ist jetzt leer.
Ich breite es aus und verwende es als Tischdecke.
Ich sehe mich um.
Mein Wohnzimmer ist voll.
Voll von glücklichen Wesen, die alle da sein dürfen.
Die alle ihren Platz haben.

Und in mir ist Raum.
Weite.
Licht.
Und ein tiefer Friede.

Die Luft draußen ist klar und gereinigt.
Das Gewitter zieht weiter.
Vielleicht braucht es jetzt jemand anderer.

 

© Iris / Heilpflanze, 21.07.2003

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