Das Opfer

Ich habe Angst.

Ich weiß, dieses Bild ist nur eine Momentaufnahme. Ein Augenblick.
Die Bewegung festgehalten in einem starren Bild.
Ich kann die Bewegung sehen, kann sie spüren… Und doch…

Der Vogel möchte weiterfliegen.

Die Brandung möchte ans Ufer donnern und sich zurückziehen, um mit erneuter Kraft das Land zu berühren.

Die tanzenden Figuren möchten weitertanzen, weiter in den Himmel hinein.

Sie sehnen sich, dehnen sich – und kommen doch nicht weiter, weil sie festgehalten sind in diesem Bild.

Und auch das Feuer, das so lichterloh brennt, möchte zur Ruhe kommen und verlöschen. Seinen Weg gehen.

Ich weiß es, wusste es ja gleich: Dieses Bild soll nicht weiter festhalten. Dieses Bild ist nicht gemalt worden, um der Starre zu dienen, sonder dem Lebendigen. Es ist gemalt worden, um hier und jetzt ein Opfer zu bringen.

Ein Opfer.

Wie schwer wird mir dieses Wort. Und wie schwer ist es mir, mich von diesem Bild zu trennen. Ich hänge an diesem Bild.
Es ist mir so gut gelungen, es drückt so viel aus! Es ist mir wertvoll! Wie soll ich mich da von ihm trennen können? Wie soll ich es da verbrennen können?!

Ich habe Angst.
Werde ich mich wieder an diesen glückseligen Zustand, als ich es malte, erinnern können?
Und es drück doch so viel aus? Werde ich mich wieder daran erinnern können?
Brauche ich es nicht, um mich zu erinnern? … an mich?

Natürlich brauche ich es nicht, das weiß ich doch.

Aber es ist so schön – werde ich wieder so etwas Schönes malen können? Werde ich mit einem neuen Bild zufrieden sein, das vielleicht nicht so vollkommen ist wie dieses? Ist es nicht eine Schande, so etwas Schönes zu vernichten?

Ein Opfer.
Die Opfergabe ist etwas Wertvolles. Etwas, das man schätzt, vielleicht sogar liebt.
Ist das der Sinn eines Opfers: loszulassen und zu vertrauen?

Ich habe Angst.
Wird mir der Abschied nicht weh tun? Es ist unwiderruflich, wenn ich das Bild verbrenne. Unwiederbringlich. Fort.
Wie ein Augenblick.
Wie das Leben.

Will ich noch weiter Angst haben vor dem Leben?

Ich.

I c h     w i l l     l e b e n .

 

©  Iris / Heilpflanze, 21.12.2012

  • Drucken