Die Geschichte von den zwei Söhnen

Es war ein mal ein Dorf, in dem lebten viele Familien. Jede Familie bestand aus Vater, Mutter und zwei Kindern. Jedes der älteren Kinder war stärker und klüger als das jeweils jüngere, und jedes der jüngeren Kinder war langsamer und ungeschickter als das jeweils ältere. Die Kinder sorgten für ihre Eltern, sobald sie alt genug dazu waren. Die älteren Kinder übernahmen alle Arbeiten, waren fleißig und stets die Ersten. Die jüngeren Kinder ruhten sich öfter aus, weil sie ja schwächer waren, unterstützen aber, wenn nötig, die älteren bei der Arbeit. Jedes war zufrieden mit seiner Rolle: Die älteren störten sich nicht daran, dass sie mehr Arbeit hatten und die jüngeren waren nicht neidig, dass sie nur die Nummer Zwei waren. So waren alle glücklich, die Familien waren gut versorgt und das Dorf blühte und gedieh.

Nun trug es sich einmal zu, dass in einer Familie zwei Kinder geboren wurden, die nicht so gut zusammen arbeiteten, wie die andern Kinder. Nicht, dass sie es nicht gewollt hätten, oder dass sie missgünstig gegeneinander gewesen wären. Es war nur so, dass die Arbeit nicht so recht gelingen wollte. So sehr sich die beiden bemühten, waren die Aufgaben doch nie so schnell und so ordentlich getan wie in den anderen Familien. Das ältere Kind, es hieß Robert, ermüdete rasch, und manche Arbeit blieb liegen, weil er einfach zu schwach dazu war. Linus, der Jüngere, half zwar wo er konnte, doch das Haus der Familie Linder war eindeutig ungepflegter, als alle anderen Häuser im Dorf.
Eines Tages ging die Familie in den Wald um Holz zu sammeln. Wie immer gaben die Eltern die Anweisungen, Linus unterstützte Robert beim Aufsammeln der Äste und schließlich schleppte Robert, wie er es gewohnt war, allein die gesammelte Last nachhause. Als ihm zwischendurch die Puste ausging und er taumelte, stürzte Linus auf ihn zu, stützte ihn, und schlug ihm vor, ihm die Last abzunehmen. Doch die Eltern wandten sofort ein, dass Linus damit doch völlig überfordert wäre, wenn es schon für den stärkeren Robert zu viel wäre, und empfahlen den Kindern einen Teil der Last abzuladen und später zu holen. Robert war sehr unglücklich, dass er weit weniger leisten konnte, als die Älteren der anderen Familien. Aber auch Linus war frustriert, denn er hatte ein leises Gefühl in sich, dass er zu weit mehr fähig wäre, als ihm seine Eltern zutrauten. Und die Eltern waren ebenfalls traurig, denn sie waren sicher, in der frühen Kindheit ihrer Söhne etwas falsch gemacht zu haben und schlechte Eltern zu sein, denn warum sonst sollte bei ihnen alles viel langsamer vor sich gehen, als in den anderen Familien?

Und so lebte die Familie Linder bekümmert vor sich hin, und auch wenn sie von den anderen Familien durchaus so akzeptiert wurde, wie sie waren, so waren sie selbst unzufrieden und unglücklich mit sich selbst. Und es hätte wohl ein trauriges Ende genommen, wenn nicht eines Tages ein Wanderer des Weges gekommen wäre. Wie es der Zufall wollte, bat er ausgerechnet bei den Linders um ein Glas Wasser, wurde herein gebeten und, weil sich alle blenden verstanden und der Abend herein brach, zum Nächtigen genötigt. Bei einigen Gläsern Wein am Abend kam man ins Gespräch und bald kam auch die Rede auf die Traurigkeit, die in der Familie herrschte. Der Vater erzählte von den Gründen, und der Wanderer, der in Wirklichkeit ein Weiser Mann war, bat um Erlaubnis, einen Tag bleiben zu dürfen, um sich ein Bild von der Lage zu  machen. So begleitete der Weise die beiden Söhne einen Tag lang bei der Arbeit, saß schweigend daneben und beobachtete. Am Abend saß man wieder bei Wein und Brot zusammen, doch der Alte sagte nichts dazu und bat nur, einen weiteren Tag mit den Söhnen verbringen zu dürfen.
Am nächsten Morgen gingen die Söhne daran, den Zaun zu reparieren. Als Robert zum wiederholten Male den Pfosten verfehlte, den er mit dem Vorschlaghammer einschlagen wollte, mischte sich der Alte plötzlich ein, und schlug vor, es doch einmal Linus versuchen zu lassen. Robert schaute ihn erstaunt an – nie wäre er auf solch eine abstruse Idee gekommen: Den Schwächeren und Ungeschickteren probieren zu lassen, was er selbst nicht konnte. Und auch Linus zweifelte – doch andererseits erhob sich wieder die leise Sehnsucht in ihm, endlich auch einmal richtig zupacken zu dürfen. Und so nahm er den schweren Vorschlaghammer und schlug zu. Nun, man kann nicht behaupten, dass das Ergebnis besser gewesen wäre, als bei seinem Bruder – auch Linus verfehlte den Pfosten und hieb ein weiteres Loch in die Erde. Doch der Alte nickte zufrieden – Linus hatte sich trotz allem  geschickter angestellt als sein Bruder, nur fehlte es ihm eindeutig an Übung. Also ging er zu den Eltern und sagte: "Weil ihr mich so freundlich in eurem Hause aufgenommen habt, will ich es euch danken. Überlasst mir eure Söhne für einen Monat und wenn sie zu euch zurückkommen, so werden sie euren Haushalt genauso geschickt und nutzbringend führen, wie die anderen Kinder des Dorfes." Die Eltern waren erstaunt, doch weil sie glaubten, nichts verlieren zu können, willigten sie ein. "Nur eines müsst ihr mir versprechen:", stellte der Weise Mann seine Bedingung. "Redet ihnen nichts drein, wenn sie zurückkommen, noch besser: Wundert euch gar nicht darüber, wenn sie etwas anders machen, als ihr gewohnt seid!" Die beiden versprachen es, konnten sich aber nicht so recht vorstellen, was der Alte wohl meinen könnte.

Robert und Linus, die den Mann inzwischen recht lieb gewonnen hatten und ihm vertrauten, gingen gerne mit ihm mit und zogen in sein Haus ein. Robert wurde angewiesen, sich endlich einmal auszuruhen, und nach anfänglichem Zweifel begann er dies durchaus zu genießen. Und Linus durfte täglich ein Kraft- und Geschicklichkeitstraining absolvieren, das ihm großen Spaß machte und endlich, endlich sein drängendes inneres Stimmchen zum Schweigen brachte. Und als die beiden Knaben nach einem Monat ins Elternhaus zurückkehrten, staunten die beiden Linders nicht schlecht, als Linus forsch und fröhlich die Arbeit anpackte und Robert geduldig aushalf, wo er nur konnte, freilich ohne sich dabei zu überanstrengen.
Natürlich blieb das auch bei den Nachbarn nicht unentdeckt, doch ihren überraschten und neugierigen Fragen, konnten Robert und Linus gelassen begegnen: "Ja, wisst ihr denn nicht, dass in den Dörfern jenseits des Berges die Rollen der Kinder unterschiedlich sind? Es ist dort ganz normal, dass manchmal die älteren und manchmal die jüngeren Kinder die Führenden sind. Geht sie doch einmal besuchen und schaut selbst!" Und das taten manche auch tatsächlich und bestätigten dies bei ihrer Rückkehr.

Es dauerte kaum ein halbes Jahr, da war auch das Haus der Familie Linder genauso schmuck und schön, wie alle anderen Häuser im Dorf und die Familie lebte glücklich und zufrieden, so wie alle anderen auch. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

 

©  Iris / Heilpflanze, eine Geschichte zur Linkshändigkeit, 16.11.2012

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