Die Geschichte vom Pflänzchen

Es war einmal ein kleines Samenkorn, das unweit seiner Stammpflanze auf feuchten, lehmigen Boden fiel. Es war ein lauschiges Plätzchen, neben einem kleinen Bach, umgeben von Bäumen, die im Sommer kühlenden Schatten spendeten. Im Frühling aber, nach dem langen, kalten Winter, wärmten die Strahlen der Sonne, die ungehindert durch die kahlen Bäume dringen konnten, die Stelle, an der das Samenkorn ruhte.
Es fühlte sich an diesem Ort so wohl, dass es schließlich keimte und nach ein paar Tagen sein Köpfchen aus der Erde steckte, sich dehnte und reckte, und dann begann der Sonne entgegen zu wachsen. Es war ein nettes Pflänzchen, grad so wie es sein sollte, von Gott geschaffen um auf der Erde zu wachsen.

Eines Tages trug es sich zu, dass ein altes Mütterchen an dem Bächlein vorbei kam und sich – es war wieder Frühling geworden – kurz in die wärmenden Strahlen der Sonne setzte um sich auszuruhen. Da erblickte die Alte das kleine Pflänzchen und es rührte an ihr Herz, sodass sie es vorsichtig ausgrub um es mitzunehmen und in ihren kleinen Garten zu pflanzen. Die Frau kannte sich gut aus mit Pflanzen und wusste, was diese brauchten um gut gedeihen zu können. Doch leider war sie schon alt und so passierte es ihr, dass sie das Pflänzchen mit einer Blume verwechselte, die sandigen, trockenen Boden und heiße Sonne liebte. Dementsprechend setzte sie das Pflänzchen an eine solche Stelle in ihrem Garten, inmitten anderer Blumen, die diesen Ort liebten und dort nach Herzenslust blühten.

Und nun begann eine verwirrende Zeit für unser Pflänzchen. Es tat nichts anderes als zuvor, fühlte sich insgeheim richtig, so wie es sein sollte und doch … es gelang ihm nicht zu wachsen, so sehr es sich das auch wünschte. Die Blumen ringsumher schüttelten ihre hübschen Blütenköpfchen, voller Unverständnis, dass sich „das Neue“ so gar nicht einfügen wollte. Das Mütterchen kam immer wieder vorbei, blickte besorgt auf das Kleine und redete ihm gut zu, dass es doch endlich Vernunft annehmen und gedeihen möge. Schließlich bekam es sogar mit, dass sogar die Insekten rings herum abfällig und spöttisch über es redeten und es wurde traurig und mutlos – und wütend. Ja, es wurde so zornig, dass es jedes Insekt, das sich ahnungslos auf eines seiner kleinen, schlappen Blättchen setzten wollte, erbarmungslos abschüttelte; es versuchte, wenn der Wind seinen Atem in das Blumenfeld schickte, möglichst viele seiner Nachbar-Pflanzen zu peitschen um damit den Schmerz, den es selbst empfand, von sich fort an andere zu verteilen.

So führte es ein elendes und trauriges Dasein und es war sich bereits sicher, durch und durch falsch zu sein, dümmer als die anderen Pflanzen, weil es nicht einmal wachsen, geschweige denn blühen wollte und ungeliebt in seinem schmerzvollen Zorn. Und es hätte bestimmt bald ein schlimmes Ende gefunden, wenn nicht…

Ja, wenn nicht eine kleine Blumenfee vorbei gekommen wäre. Eine kleine Blumenfee, die die Nöte des kleinen Pflänzchens sofort erkannte und sogleich seinen Zauberstab zückte. „Du sollst zurückkehren und dort wachsen, wo du das Tageslicht erblickt hast, in der Umgebung die du brauchst und die dich nährt.“ Und schwupp, befand sich unser kleines Pflänzchen wieder am Bachrand und in den Strahlen der wärmenden Sonne – denn es war wieder einmal Frühling geworden. Und sogleich fühlte die kleine Pflanze ein Wohlgefühl, wie sie es schon lange nicht mehr erfahren hatte. Und die Wurzeln gruben sich wohlig in die feuchte, feste Erde und breiteten sich aus und sogen gierig die lang entbehrte Nahrung auf. Und die Blättchen festigten sich und strahlten in glänzendem, sattem Grün und begannen zu wachsen, wie sie es noch nie zuvor getan hatten.

Und doch war es schwierig für das Pflänzchen, denn es hatte noch immer das Bild – das Vor-Bild – all der prächtigen Blumen vor sich und es bemühte sich nach Kräften, auch endlich so eine schöne, strahlend bunte Blüte hervor zu bringen. Und wieder wurde es mutlos, denn es gelang ihm nicht, so sehr es sich auch abmühte. Auch wenn es bemerkte, dass ihm die Umgebung jetzt wohl tat, so hörte es aus dem Gesumme der Insekten nach wie vor spöttische Bemerkungen über seine Unfähigkeit zu blühen, wie sich das für ein anständiges Blümchen doch wohl gehöre. Und wieder wurde es zornig und nutzte jeden noch so kleinen Windhauch, um um sich zu schlagen.

So verging die Zeit, ein Frühling nach dem anderen zog ins Land und die Pflanze war nun kein kleines Pflänzchen mehr, sondern ein stattliches Gewächs mit vielen grünen Blättern. Mehr und mehr hatte sich in ihr das Gefühl der Richtigkeit breit gemacht und das Bild der bunten Blumen war verblasst. Sie hatte gelernt, dass Regen und Wind ihren Samen in die Erde brachten und sie keine Insekten benötigte, um sich zu vermehren. Deshalb berührte sie auch nicht mehr, was Insekten untereinander sprachen und nichts und niemand konnte sie nun mehr wütend machen. Und sie hatte gelernt, dass es unterschiedliche Pflanzen gab, jede auf ihre eigene Art schön und nützlich. So hätte alles wunderbar und einfach sein können, wenn nicht…

Ja, wenn die kleine Blumenfee, die das Pflänzchen damals gerettet hatte, nicht so klein gewesen wäre. Ihr müsst nämlich wissen, dass kleine Blumenfeen noch nicht über so große Zauberkräfte verfügen, wie große. Und das bedeutete, dass der Zauber der Fee nicht ewig anhielt sondern eines Tages – puff – verlöschte. Und ehe sich’s unsere Pflanze versah, saß sie wieder mitten im Blumegarten des alten Mütterchens.

Doch diesmal hielt die Verwirrung unserer Pflanze nicht lange an. Sie wusste ja nun inzwischen, dass sie so, wie sie war, goldrichtig war. Das Getuschel und Kopfgeschüttel der bunten Blumen, machte ihr nichts aus – hatte sie doch überhaupt keinen Ehrgeiz mehr, knallige Blüten zu entwickeln. Also konzentrierte sie sich darauf, die langen kräftigen Wurzeln noch ein wenig zu strecken, bis sie an die lehmige Schicht weit unten im Boden stießen. Dort war es feucht und kühl und genau so nährstoffreich, wie sie es gewohnt war. Da störte sie es auch nicht, dass die oberste Schicht trocken und sandig war, sie holte sich einfach aus der Tiefe all das, was sie brauchte. Auch die heiße Sonne stellte kein Problem für das stattliche Gewächs dar. Es bildete einfach mit den obersten Blättern ein schützendes Dach, so dass die unteren in gewohnter Atmosphäre wachsen und gedeihen konnten.
Ja, und die bunten Blumen, die merkten wohl, dass ihnen unverhofftes Glück zuteil wurde. Denn das alte Mütterchen war ja in der Zwischenzeit noch älter geworden und mit regelmäßig Gießen und Düngen war es schon seit einiger Zeit vorbei gewesen. Doch die vielen, breiten Blätter der zurückgekehrten Pflanze sammelten fleißig den Morgentau und verteilten ihn an die durstigen Blumen. Und als im Herbst all das saftige Grün zu Boden ging und dort über den Winter zu Erde wurde, da wussten die Blumen, dass im Frühling genug frische Nährstoffe vorhanden sein würden, um ihre Samen zu nähren und neu erblühen zu lassen und sie konnten sich beruhigt dem Jahreskreis hingeben. 

Und so hat schlussendlich doch alles ein gutes Ende gefunden. Unser stolzes Gewächs war sich seines Wertes voll bewusst und wurde geschätzt und bedankt von den schönen, duftenden Sommerblumen, die ihrerseits nun zur Freude des alten Mütterchens wieder in voller Pracht strahlten. Die kleine Blumenfee – die inzwischen auch nicht mehr so klein war – kam von Zeit zu Zeit vorbei, um die Pflanze zu besuchen. Jedes Mal bot sie an, die Pflanze erneut – und diesmal für immer – zurück an den Bach zu versetzen und jedes Mal lehnte diese lächelnd ab, denn sie hatte ihren Platz gefunden.

Nur die alte Frau schüttelte von Zeit zu Zeit verwirrt den Kopf, wenn sie sich fragte, wie um alles in der Welt der große Farn plötzlich in ihr Blumenbeet gekommen war…

 

©  Iris / Heilpflanze, 24.3.2012

  • Drucken